Kategorie: Der Krebs

Ballast im Kopf

1Es ist Luxus sich über die Wahl der Klamotten den Kopf zerbrechen zu können, sich in Gedanken intensiv mit Drogerieprodukten auseinanderzusetzen, traurig zu sein, wenn man Follower verliert und die Umwelt vollzuheulen und Bilder von Taschentücherbergen hochzuladen, wenn man nur Schnupfen hat.

Wenn man jedoch dem stärksten Menschen, den man kennt, mit gebundenen Händen dabei zusehen muss, wie er immer schwächer wird und sich vor Schmerzen krümmt, bis man diesen Menschen, den man über alles liebt, für immer verliert, werden solche Gedanken ganz nichtig, wenn nicht sogar lächerlich.

Vor einem Jahr nahmen ganz andere Dinge Platz in meinem Kopf ein: Erwachsen sein von heut auf morgen und das mit viel Kummer und noch mehr Sorgen. Nicht nur mich, sondern auch den ganzen Haushalt von vorne bis hinten selbst organisieren und durch den zu erledigenden und nicht enden wollenden Papierkrams immer und immer wieder wie ein Hammerschlag ins Herz daran erinnert werden, was ich verloren habe und warum ich nun in dieser Situation bin.

Die Erschöpfung und geistige Überanstrengung spürte ich nicht nur am Drang andauernd schlafen zu müssen, sondern auch bei jedem Blick in den Spiegel. Sich Unwohl in der eigenen Haut zu fühlen war dann das i-Pünktchen. Ich war schon immer dünn, irgendwas stimmt da nicht ganz mit meinem Stoffwechsel, aber vor einem Jahr verlor ich zusätzlich beinahe 10kg. Es ist erstaunlich und erschreckend wie viel die Psyche am Aussehen beteiligt ist, denn an meiner Ernährung hat sich nichts geändert.

Zum Glück habe ich eine Familie, Freunde und den Lieblingsjungen, die mir die Ohren steif halten, mich aufpäppeln und mir zeigen, dass das Leben lebenswert ist. Der Kummer und Fragen wie „Warum ausgerechnet ich?“ sind mittlerweile weitestgehend verflogen und siehe da, die Kilos kommen langsam auch wieder angelaufen. Das Wichtigste ist jedoch, dass ich wieder anfange mich zu mögen, wieder ausgelassen Lachen und Leben kann und viel Ballast im Kopf losgeworden bin.

Ich muss sehr schmunzeln, denn letztendlich hat mir meine Mama doch ziemlich viel beigebracht. Ich danke ihr wirklich sehr, dass sie mich wachgerüttelt hat und mir gezeigt hat, was die wichtigeren Dinge im Leben sind und für was es sich lohnt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Es ist jetzt schwieriger geworden mich unglücklich zu machen!32

Weltkrebstag

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Mittlerweile ist es mehr als zwei Jahre her, aber ich kann mich noch so gut daran erinnern, als wäre es erst gestern gewesen…

Es war an einem Novembertag, der grauer nicht hätte sein können, als ich von der Schule kam, meine Mama gedankenversunken am Herd stand, ich sie nach ihrer Magen- und Darmspiegelung fragte und sofort wusste, dass etwas nicht in Ordnung war. Als sie mir mitten in der Küche von ihrer Krebsdiagnose erzählte und in Tränen ausbrach zerbrach auch bei mir die Welt.

Alles war so gut: Meine Mama hatte immer ein sehr anstrengendes Leben und ging nun endlich in ihrer Arbeit auf, wir kauften uns ein teures Auto und endlich High-End Produkte, das Familienleben war harmonischer wie nie zuvor, ich schrieb gute Noten und das Abi war nicht fern…und mit einem Schlag verabschiedete sich das leichte und sorgenfreie Leben.

Magenkrebs ist ein sehr heimtückischer Krebs, der lange ohne jegliche auffälligen Symptome vor sich hinwächst und so war es auch bei meiner Mama. Die Bilder der Magenspiegelung brannten sich in mein Gedächtnis, unglaublich, dass ein 2x2cm großer schwarzer, schleimiger Fleck innerhalb der nächsten 1,5 Jahren so viel Schaden anrichten sollte und noch unglaublicher für mich, dass die Ärzte schon zum Zeitpunkt der Diagnose nicht mehr von Heilung redeten. Der Krebs hatte bereits gestreut und befand sich in der Blutbahn. Menschen können zum Mond fliegen, Atome spalten und Schafe klonen, aber warum noch keinen Krebs in diesem Stadium heilen? Ein Gedanke bei dem mir sofort die Tränen in die Augen schießen.

Außenstehende können sich nur schwer vorstellen wie anstrengend es ist Krebs zu haben oder jemanden mit Krebs zu begleiten, sowohl physisch als auch psychisch. Die Angst vor dem Ende am Anfang, das Loch in das man zunächst fällt, die vielen Krankenhausaufenthalte, diese immens große Angst vor dem Ergebnis jeder neuen Kontrolluntersuchung, den richtigen Umgang mit dem Krebskranken zu finden, sich gegenseitig aufmuntern, aber auch gemeinsam traurig sein, Aufatmen und innerhalb von kürzester Zeit plötzlich wieder am Boden zerstört sein.

Meine Mama wurde letzten Mai zum Glück vom Krebs erlöst. Und auch für mich bedeutet dieser Verlust eine Befreiung vom Leiden. Die 1,5 Jahre Gefühlsachterbahn fahren haben mich wachgerüttelt und mir gezeigt wie schnell sich ein Leben ändern kann, wie wertvoll jede einzelne Minute im Leben ist und dass Krebs jeden treffen kann, egal wie gesund man davor gelebt hat.

Natürlich ist das jetzt ein Extremfall, denn nicht jeder Krebs ist unheilbar, auch die aggressivste Krebsart kann geheilt werden, wenn sie früh entdeckt wurde. Ich lese sehr gerne naturwissenschaftliche Zeitschriften und Artikel, freue mich über jeden, wenn auch winzigen Fortschritt in der Forschung und bin zuversichtlich, dass eines Tages ein Mittel erscheint, welches das viele Leiden beenden und die hohe Sterberate senken wird.

Informiert euch bitte auch über Krebs, es ist ein wirklich wichtiges Thema.
Deutsche Krebshilfe
Krebs-Kompass

Smaragdgrün

Es war erdrückend warm und stickig im Abschiedsraum. Der Raum war viel zu dunkel und klein für die Zeremonie und der Rauch brannte in meinen Augen. Seit Wochen konnte ich kaum schlafen, die Müdigkeit spürte ich in jeder Faser meines abgemagerten Körpers. Im Abschiedsraum kniete ich zwei Stunden lang mittig vor dem Altar und hörte dem Priester zu, im Hintergrund schluchzten alle und in dem Moment wurde mir klar, dass ein Lebenskapitel zu Ende gegangen ist.

Hinter mir lagen die 18 anstrengendsten, emotionalsten und vor allem intensivsten Monate meines Lebens. Die -in Worte nicht beschreibbar- traurigsten und zugleich schönsten 18 Monate, in denen wir gemeinsam gegen den Krebs kämpften, obwohl es von Anfang an aussichtslos war und man uns zu keinem Zeitpunkt Hoffnungen machte.

Der Abschiedsraum war vollgestellt mit prunkvollen Blumensträußen. Unendlich viele weiße Lilien, Rosen und Orchideen um einen Sarg in der Raummitte. Als man den Sarg öffnete verschwamm auch für mich die Welt. Meine Mama lag darin, wunderschön mit ihrer Kurzhaarfrisur und in ihrem smaragdgrünen Lieblingskleid aus purer Seide. Friedlich schlafend für immer.

Dieses schöne, letzte Bild von ihr ist mittlerweile fast zwei Monate alt. Ich werde es niemals vergessen.