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Heimweh V: Durch die Gassen

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Ich weiß noch ganz genau, wie ich mit Verwandten bei meiner Oma zu Mittag aß. Beim Essen bin ich wirklich der ungesprächigste Mensch, aber sie schafften es alle mich zum Lachen und Reden zu bringen. Ihre Extrovertiertheit, die gute Laune und die Herzlichkeit waren richtig ansteckend, doch ehe ich mich versah, waren sie alle verschwunden. Ich räumte den Tisch ab, zog mich um und als ich wieder ins Wohnzimmer kam, war es still. Mittags, dann wenn die Sonne am stärksten scheint und es draußen unerträglich heiß wird, bleiben die meisten Vietnamesen zu Hause und halten ein Mittagsschläfchen.

An dieses Ritual konnte ich mich bei meinen zwei Vietnamaufenthalten nie gewöhnen. Während meine Verwandte also vor sich hin schliefen, schlich ich mich nach draußen, nahm das Fahrrad und fuhr auf Erkundungstour oder lief zu Fuß ziellos umher. Die Hitze machte mir nie etwas aus, denn ich kann mich unglaublich gut und schnell an meine Umgebung anpassen und Fahrradfahren war um diese Uhrzeit aufgrund der ungewohnt „leeren“ Straßen und Gassen richtig angenehm.
Ich spielte Volleyball mit fremden Menschen am See, trank warmen Grüntee mit alten kartenspielenden Leuten, wurde gejagt von anderen Jugendlichen, angelte einen 2cm großen Fisch…in Vietnam spielt sich das Leben zum Großteil auf der Straße ab, das zeigt sich auch an der Offenheit gegenüber anderen, fremden Menschen.
Von meinen täglichen Abenteuern erzählte ich meiner Oma nichts, sie hätte mich sonst mittags eingesperrt und zum Mittagsschlaf gezwungen, denn ganz ungefährlich war der Spaß nicht.

Je später es wurde, desto mehr füllten sich wieder die Straßen. Ich zwang meine Cousins immer dazu, mich bei meinen Spaziergängen zu begleiten. Sie wären am liebsten mit dem Moped unterwegs gewesen, aber ich brachte ihnen bei, auch mal weite Strecken zu Fuß zu laufen.
Meine Lieblingsstrecke führte durch unzählige Gassen, die nach Kohle, frisch gekochtem Essen oder Motorradabgasen rochen, in denen Müll einfach rumlag und darauf wartete von der Müllabfuhr aufgepickt zu werden, in denen man irgendwo ein Hundebellen, Hühnergackern oder Karaoke, was der Volkssport der Vietnamesen ist, hörte. Spielende, lachende Kinder, Mopedhupen, religiöser Gesang, die Fahrradklingel des Eisverkäufers. Alles auf einmal hört sich beim Lesen für Außenstehende bestimmt total chaotisch und laut an. Wer aber schonmal in Vietnam war, weiß wie schön der Lärm mit der warmen Luft harmoniert.

 

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